Vielleicht bemerkst du es gerade jetzt. Wenn du ehrlich mit dir selbst bist, musst du dir vielleicht eingestehen, dass die letzten Wochen (schon wieder) zu hektisch waren. Es war zu viel los. Und das, obwohl du dir doch vorgenommen hast, einen Gang runterzuschalten. Wie kann das sein?
Diese Hektik gehört zu unserer täglichen Erfahrung. Wir erleben die Welt schnell und hektisch – für uns oft zu schnell und zu hektisch. Unsere Erfahrung deckt sich darin, dass der Tag oft nicht genügend Stunden hat oder wir oft nicht genügend Energie haben, um all den Anforderungen des modernen Lebens gerecht zu werden.
Hier ein Beispiel aus meinem Leben: Unbeantwortete WhatsApp-Nachrichten oder E-Mails warten darauf, abgearbeitet zu werden, während im selben Moment mein Kind sich das Knie aufschlägt und versorgt werden sollte. Gerne würde ich auch noch kurz die News checken, um up-to-date zu bleiben, was im Nahen Osten läuft, während meine To-Do-App mich daran erinnert, dass ich noch eine Rechnung begleichen sollte. Als ob das alles nicht schon genug wäre, fällt mir dann spontan ein, dass ein Freund von mir übermorgen Geburtstag feiert, und ich noch ein Geschenk für ihn kaufen sollte. Kommt dir das bekannt vor?
So in etwa beschreibt der renommierte Soziologe Hartmut Rosa unsere Gesellschaft. In seinem kurzen Büchlein, Demokratie braucht Religion1, beschreibt er unsere Wirtschaftssystem: “In der Konsequenz sehen wir also: Wir leben in einem System, in dem wir jedes Jahr schneller werden müssen.” Das Resultat daraus ist, dass wir uns in einer Burn-Out-Krise wiederfinden und das dominante Gefühl der Gesellschaft sich darin beschreiben lässt, dass wir ernüchtert feststellen: “Lange geht das so nicht mehr gut!” Lange halten wir das nicht mehr durch.
Perspektive, wo bist du?
Soweit, so düster. Das oben Beschriebene klingt nicht sehr erbaulich, und viele würden dieser Hektik gerne entfliehen – ich auch. Den erbaulichen Teil und den konstruktiven Ansatz liefert uns in diesem Blogpost Dietrich Bonhoeffer. In seiner Ethik2 schreibt er:
“Der wirkliche Mensch darf in Freiheit das Geschöpf seines Schöpfers sein. […] Krampf, Zwang etwas anderes, besseres, idealeres zu sein als man ist, ist hier abgetan. Gott liebt den wirklichen Menschen.”
Das klingt doch schon besser. Und warum klingt es besser? Weil es uns einen Ausweg aus der Hektik bietet. In der von Rosa beschriebenen Krise vermag der Glaube, Spiritualität und die Theologie, uns einen Ausweg aus der Krise aufzuzeigen – so meine Hoffnung und Überzeugung. Wenn wir mit Bonhoeffer denken, besteht der Ausweg darin, dass wir uns als Geschöpf von unserem Schöpfer verstehen (nicht darin, dass wir fromme Weltflucht betreiben!). Dass wir uns eingestehen, dass wir “nur” Geschöpf sind. Das ist unheimlich entlastend. Darin werden wir zu einem “wirklichen Menschen”. Hier dürfen wir sein. Hier müssen wir uns nicht non-stop selbst optimieren oder ständig erreichbar sein. Hier dürfen wir uns in aller Demut als Gottes Geschöpfe sehen, das unter seinem liebenden Blick lebt – auch da, wo wir nicht produktiv sind, nicht erreichbar sind und uns nicht selbst optimieren. Die Einladung von Jesus in dieses Leben klingt so:
“Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht” (Matthäus 11:28-30).
Wie soll das möglich sein?
Kierkegaard schreibt dazu in Die Krankheit zum Tode3 etwas Spannendes. Er geht davon aus, dass der Mensch an zwei Dingen verzweifelt: Entweder versucht er verzweifelt, er selbst zu sein, oder er versucht verzweifelt, nicht er selbst zu sein. Und das aus dem Grund, dass er verzweifelt nichts von Gott wissen will. Was aber, wenn wir – wie Bonhoeffer schreibt – uns damit abfinden, dass wir Geschöpfe vor unserem Schöpfer sind? Was, wenn wir uns darum gar nicht selbst verwirklichen müssen? Vielleicht könnten wir dann damit leben, dass wir nicht immer erreichbar sein müssten und uns auch nicht ständig optimieren müssten. Selbstverwirklichung kann – neben all dem Schönen – auch einen unheimlichen Druck auf uns ausüben. Es kann zu einem Zwang werden, der uns verzweifeln lässt und uns in die Hektik treibt.
Wenn wir als Menschen Geschöpfe vor unserem Schöpfer sind, bringt mich das zu zwei Worten: Gebet und Busse. Gebet und Busse scheinen mir Worte zu sein, die gerade nicht Hochkonjunktur haben. Doch ist vielleicht gerade jetzt Zeit für Gebet und Busse. Für Gebet, so verstanden, dass wir Raum schaffen, der nicht produktiv ist. Raum, wo wir vor Gott sind. Raum, in dem uns Gott begegnen kann. Raum, in dem wir als Menschen vor unserem Schöpfer sein dürfen. Und Busse, als einen Akt der Umkehr und Abwendung von einem immer schnelleren und hektischeren Lebensstil. Zurück dazu, dass wir in Freiheit Geschöpfe von unserem Schöpfer sind. Auch dann, wenn wir nicht produktiv oder erreichbar sind.
Dabei werden wir vielleicht zurück zu der Wahrheit aus Johannes 1,12 kommen: «All denen jedoch, die ihn aufnahmen und an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Gottes Kinder zu werden.» Vielleicht kann uns diese Wahrheit helfen. Vielleicht ist uns geholfen, wenn wir im Gebet die Erfahrung machen, dass wir Kinder Gottes sind. Nicht erst, wenn wir oben an der Karriereleiter angekommen sind oder uns selbst verwirklicht haben. Sondern als wirkliche Menschen, so wie wir heute sind.
Jürgen Moltmann schreibt in Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens4 über das Gebet und das Wachen im Gebet: “Wenn zum Erwachen, das aus dem Beten entspringt, die Nüchternheit hinzukommt, werden wir uns nichts vormachen und uns auch nichts vormachen lassen, weder von politischer Propaganda noch von dem Konsumzwang der Reklame.”
Ich denke, dass Gebet uns helfen kann, in hektischen Zeiten nüchtern zu bleiben, die Situation aus einer gewissen Distanz zu betrachten und Abstand zu gewinnen zu einem hektischen Leben. Und durch Gottes Gnade dürfen wir dann im Gebet die Erfahrung machen, dass wir erfüllt werden mit dem Heiligen Geist, der uns verheissen ist. Dieser Geist kann und will in uns Raum schaffen: “Ruah [ein hebräisches Wort für Geist – weiblich] schafft Raum, sie setzt in Bewegung, führt aus der Enge in die Weite und macht so lebendig. In der Erfahrung der ruah wird das Göttliche nicht nur als Person und auch nicht nur als Kraft, sondern auch als Raum erfahren, und zwar als jener Raum der Freiheit, in welchem sich das Lebendige entfalten kann. Das ist die Erfahrung des Geistes: ‘Du stellst meine Füße auf weiten Raum’ (Ps 31,9)», so Moltmann in Der Geist des Lebens5.
Ist das nicht die Sehnsucht so vieler? Meine ist es. Ich möchte mich neu von diesem Geist erfüllen lassen und erleben, wie ein neuer, weiter Raum aufgeht, in dem ich aufatmen kann. Gebet und Busse können uns dazu den Weg weisen. Inmitten der hektischen und oft überfordernden Realität des modernen Lebens bieten Gebet und Buße eine echte Alternative.
Zum Abschluss zitiere ich gerne nochmals Moltmann6: “Die moderne Welt orientiert Menschen an humanistischen und materialistischen Konzepten des Lebens. Und die Menschen erfahren in ihr ein reduziertes Leben. Ein Leben, das Gott verloren hat, ist ein Leben ohne Transzendenz, ein Leben ohne Oberlicht. Es gibt so viel ungelebtes, ungeliebtes, krankes, misslungenes und sinnlos verbrachtes Leben. Die Glaubenden, die Liebenden und die Hoffenden orientieren sich an dem lebendigen Gott und erfahren in seiner Nähe eine Fülle des Lebens.”
In dem Sinne wünsche ich dir (und mir), die wir in hektischen Zeiten leben, dass wir in der Nähe Gottes eine Fülle des Lebens finden.
PS: Als praktische und inspirierende Lektüre zum Thema Gebet kann ich dir das Buch “Einfach Gebet” von Johannes Hartl empfehlen, das auch als Hörbuch erhältlich ist. Zusätzlich ist das Buch “Das Ende der Rastlosigkeit” von John Mark Comer eine empfehlenswerte Lektüre.
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1Rosa, Hartmut 2023. Demokratie braucht Religion. München: Kösel. [S. 39ff]
2Bonhoeffer, Dietrich 2020. Ethik. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. [S. 81f]
3Kierkegaard, Sören 1984. Die Krankheit zum Tode. Hamburg: CEP. [S. 13ff]
4Moltmann, Jürgen 2014. Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. [S. 174]
5Moltmann, Jürgen 2010. Der Geist des Lebens. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. [S. 56]
6Moltmann, Jürgen 2014. Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. [S. 9]
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