
Kain und Abel. Eine monumentale Erzählung. Sie scheint weit weg in einer lang vergangenen Zeit – und doch ist sie uns näher, als wir meinen.
Die Geschichte des weisheitlichen Schreibers1 will uns aufrütteln.
Kain und Abel
«Und es geschah nach geraumer Zeit, dass Kain dem Herrn ein Opfer darbrachte von den Früchten des Erdbodens. Und auch Abel brachte [ein Opfer] dar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und der Herr sah Abel und sein Opfer an; aber Kain und sein Opfer sah er nicht an. Da wurde Kain sehr wütend, und sein Angesicht senkte sich. Und der Herr sprach zu Kain: Warum bist du so wütend, und warum senkt sich dein Angesicht? Ist es nicht so: Wenn du Gutes tust, so darfst du dein Haupt erheben? Wenn du aber nicht Gutes tust, so lauert die Sünde vor der Tür, und ihr Verlangen ist auf dich gerichtet; du aber sollst über sie herrschen! Und Kain redete mit seinem Bruder Abel; und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er antwortete: Ich weiß es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Horch! Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von dem Erdboden!» 1. Mose 4,3-10 (SCH2000)
Ein Bruder tötet den anderen, weil Gott sein Opfer «nicht ansah». Mit dieser Ablehnung konnte Kain nicht leben und tötete seinen Bruder. Wahrscheinlich bemerkte Kain Gottes Missfallen daran, dass sein Segen und die Mehrung ausblieben – im Gegensatz zu Abel.2
Warum?
Die Frage drängt sich auf: Warum? Warum sah Gott Abels Opfer an und segnete ihn, während er Kains Opfer ablehnte? Diese Frage geht an der Absicht des Textes vorbei. Vielmehr geht es darum, dass Ungleichheit unter Gleichen eine fundamentale menschliche Erfahrung ist. Solche Dinge geschehen, will uns die Erzählung sagen.3
Es liegt gerade nicht an Kains Fleiss oder an seiner Gesinnung oder irgend etwas, das er hätte beeinflussen können. Es scheint, dass es gerade unerklärbar bleiben soll, warum Gott Kains Opfer nicht angesehen hat. Diese grundlose Benachteiligung ist ein entscheidendes Konfliktmotiv, wo immer Menschen zusammenleben.4 Das mag hart sein – und genau darum geht es: Was macht nun Kain mit dieser harten Einsicht, dass sein Opfer grundlos keinen Segen eingebracht hat?
Kain kocht vor Wut und droht, auf Dauer niedergeschlagen und frustriert zu sein (sein Angesicht senkte sich).5 Den Neid auf seinen Bruder verurteilt Gott aber nicht. Das wird bemerkenswert sachlich berichtet und Kain ethisch neutral dargestellt. Er wird gerade nicht als den schon immer Bösen präsentiert.6
Lass gut sein
Nun spricht Gott zu ihm. Gertz7 übersetzt die Worte in Vers 7 so: «Ist es nicht so, wenn du es gut sein lässt, dann (bedeutet es) Erbeben (des Angesichts); wenn du es nicht gut sein lässt, dann ist zur Tür hin die Sünde ein Lagernder, und nach dir ist sein Verlangen, du aber sollst über ihn herrschen?»
Gott fordert Kain auf, die Sache um den ausgebliebenen Segen und die grundlose Ungleichbehandlung (das nicht Ansehen des Opfers), zu akzeptieren; es «gut sein zu lassen». Sollte er es nicht gut sein lasse, würde er zum leichten Opfer für die personifizierte Macht der Sünde werden. Sein Zorn kann sich sonst zu einem Dämon entwickeln, der jegliche Gemeinschaft – in dem Fall mit seinem Bruder – zerstören kann.8
Man kann den Satz, dass Kain über die Sünde herrschen soll, auch als Frage lesen: «Du aber, wirst du seiner Herr werden?». Gott spielt Kain die volle Verantwortung zurück.9 Nicht nur soll der Mensch über die Schöpfung herrschen (vgl. 1. Mo 1,26), auch die Sünde soll er dominieren.10
Kain konnte oder wollte nicht widerstehen – er liess nicht gut sein. Auf das Feld ging er mit seinem Bruder – an einen Ort, wo sie ungestört waren.11 Dort tötete er ihn.
Das eigentlich Erschreckende
Die Geschichte will zeigen, dass grundlose Benachteiligung und daraus resultierendes Böses, Teil der menschlichen Existenz sind. Kain war nicht schon immer böse12, das ist das eigentlich Erschreckende! Westermann hält fest: «Das eigentlich Erschreckende an dem Geschehen liegt vielmehr darin, daß ein Mensch wie jeder, der seine Arbeit tut, der Gott seine Gabe darbringt, zu dieser Tat imstande ist. Nicht Kain, der Mensch ist es, der zum Mörder an seinem Bruder wird.»13
Wir erkennen uns in Kain wieder, weil es in gewisser Weise unser aller Geschichte ist: «Das Erleben, grundlos zurückgesetzt zu sein, der daraus folgende Zorn, die aus dem Zorn geborene Missetat und die darüber empfundene Scham – ‘Es ist dies doch wohl die bekannteste Geschichte der Welt, denn sie ist jedermanns Geschichte’ (John Steinbeck, Jenseits von Eden)».14
Die Geschichte von Kain und Abel ist kurz…. aber sie rüttelt auf! Wenn wir es nicht gut sein lassen, dann lauert uns die Sünde vor unserer Tür auf. Wenn wir es gut sein lassen, wird sich «unser Angesicht erheben». «Ist es nicht so?», fragte Gott Kain. Diese Frage stellt sich auch uns. Können wir es gut sein lassen?
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[1] Gertz, Jan Christian 2021. Das erste Buch Mose Genesis die Urgeschichte Gen 1-11. 2., veränderte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 154
[2] Westermann, Claus 1999. Genesis Kapitel 4-11. Bd. 2, 4. Aufl. (1. Aufl. der Studienausg.). Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verl. S. 404
[3] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 163f
[4] Westermann, Genesis Kapitel 4-11, Neukirchener, S. 405
[5] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 164
[6] Westermann, Genesis Kapitel 4-11, Neukirchener, S. 405f
[7] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 152
[8] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 165
[9] Westermann, Genesis Kapitel 4-11, Neukirchener, S. 409
[10] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 165
[11] Blenkinsopp, Joseph 2011. Creation, un-creation, re-creation: a discursive commentary on Genesis 1-11. London; New York: T & T Clark.
[12] Westermann, Genesis Kapitel 4-11, Neukirchener, S. 411f
[13] Westermann, Genesis Kapitel 4-11, Neukirchener, S. 412
[14] Gertz, Das erste Buch Mose, V&R, S. 169

