Was sagt uns Weihnachten über uns Menschen? Dazu mehr am Schluss von diesem Blogpost.
Was macht uns Menschen aus? Diese Frage führt uns schnell zum Thema Herz. Wir Menschen sind aus Fleisch und Blut, ein Herz schlägt in unserer Brust. Genau dieses Herz ist sowohl in der Bibel wie auch umgangssprachlich sehr präsent. Wir reden davon, dass wir:
- Etwas auf dem Herzen haben
- Uns etwas zu Herzen nehmen
- Jemanden ins Herz schliessen
- Das Herz am rechten Fleck haben
- Unser Herz ausschütten
- etc.
Wir Menschen sind herzhafte Wesen. Wenn wir uns dem Thema Herz nähern, sollten wir zuerst einen Schritt zurück machen.
Von der Vernunft – die Aufklärung
Unsere moderne Welt ist stark von der Aufklärung geprägt. Vernunft und Rationalität wurden zum Massstab allen Handelns. Vieles haben wir dieser Entwicklung zu verdanken: wissenschaftlichen Fortschritt, Demokratie, Bildung und, und, und … Doch trotz aller Errungenschaften brauchen wir noch immer ein „Bewusstsein von dem, was fehlt“. Wie Jürgen Habermas (Philosoph und Soziologe) es ausdrückte: Die „spröde Vernunfts-Moral“ reicht nicht aus, um uns zu Solidarität, Mitgefühl und Liebe bewegen zu lassen – das gelingt nicht allein durch rationale Einsicht (wie wir unterdessen aus erster Hand wissen – Kriege wüten trotz der Aufklärung weiter).
Die Bibel versteht den Menschen nicht in erster Linie vom Verstand und seiner Rationalität her, sondern von seinem Herzen her: “Mehr als alles hüte dein Herz; / denn von ihm geht das Leben aus. Sprechen” 4,23 (EU)
Das Herz in der Bibel
In der Bibel ist das Herz das Zentrum des inneren Lebens. Das hebräische Wort „leb“ und das griechische Word „kardia“ beschreiben das Herz nicht nur als Sitz der Gefühle, sondern auch als Quelle von Gedanken, Entscheidungen und Gewissen. Von der Bibel her lässt sich sagen:
- Das mit «Herz» übersetzte Wort leb (hebr.) bzw. kardia (gr.) bezeichnet nur selten das Körperorgan
- Es stellt die Mitte des bewusst lebenden Menschen dar
- Es ist das Zentrum des gesamten inneren Lebens – inkl. Gefühlen, Empfindungen, Gedanken, Entscheidungen
- Es umfasst Wissen und Gewissen, Intellekt und Wille
- Es steht auch für das unzugänglich Unerforschliche, für das unergründlich Verborgene schlechthin
- Es entzieht sich der menschlichen Selbstverfügung. Nur Gott ist des Herzen mächtig.
Unser “Herz” bleibt uns in gewisser Weise immer ein Rätsel. Es ist unerforschlich und entzieht sich der menschlichen Verfügung. Letztlich ist nur Gott des menschlichem Herzen mächtig und kann es in der Tiefe verwandeln und erneuern. So sagt es auch Hesekiel 36,26-27:
“Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich gebe meinen Geist in euer Inneres und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Rechtsentscheide achtet und sie erfüllt.”
Hier wird klar: Wir können unser Herz nicht aus eigener Kraft verändern (4x “ich” von Gott). Das ist Gottes Werk. Er schenkt uns ein lebendiges Herz, das fähig ist, seinen Willen zu erkennen und zu tun. Was Rationalität, Hirnforschung und Selbstoptimierung nicht zu tun vermag – den Menschen in der Tiefe seines Seins zu verändern – will Gott tun, in dem er seinen Geist in unseren Herzen legt.
Der Mensch: Mehr als Gehirn oder Maschine
Hirnforschung und künstliche Intelligenz sind hoch im Kurs. Das Gefühl könnte entstehen, dass man den Menschen vom Gehirn her erklären und entschlüsseln kann, wie ein Algorithmus oder ein Programm. Dieser Fokus aufs Gehirn und KI beeinflusst, wie wir über uns selbst denken. Oftmals betrachten wir uns selbst als eine Art Hardware (Körper) mit Software (Gehirn), die wir selbst umprogrammieren und optimieren können. Zudem erwarten wir von uns oft Maschinen ähnliche Konstanz oder Perfektion. Doch lässt uns diese Sicht auf uns Menschen mit Fragen zurück:
- Sind Liebe, Glück oder Schuldgefühle, die wir empfinden, letztlich nur Zustände unseres Gehirns (also unserer Software)?
- Sind wir nichts weiter als hochkomplexe Netzwerke aus Nervenzellen, in denen Programme ablaufen?
Die Antwort aus der Bibel lautet darauf: Nein – und das von Herzen!
Wir Menschen sind mehr als unser Gehirn. Wir haben ein Gehirn, aber wir sind nicht nur unser Gehirn. Wir gehen nicht alles logisch und un-emotional an; wir sind nicht perfekt (was wir manchmal aber gerne wären) – aber wir können lieben! Wir sind keine rationalen Gehirne oder berechenbare Maschinen – aber wir sind zu Empathie und Barmherzigkeit fähig (die meisten von uns).
Bonhoeffer schreibt dazu in seiner Ethik: “Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung Gottes möglich.” Einzusehen, wie unvollkommen und umperfekt wir sind, ohne uns zu verachten, scheint nur von Weihnachten her möglich zu sein: Da wo Gott selbst Mensch wurde. “Der wirkliche Mensch ist weder ein Gegenstand der Verachtung noch der Vergötterung, sondern ein Gegenstand der Liebe Gottes”. Während wir uns oftmals durch Selbstoptimierung bemühen unserem herzhaften Menschsein zu entfliehen, wurde Gott Mensch, ganz Mensch. Ist nicht die Botschaft von Weihnachten – gerade in Zeiten von KI, Hirnforschung und Selbstoptimierung – ein wohltuender Ruf zurück zum herzhaften Mensch-Sein? Ist es nicht eine Einladung, Mensch sein zu dürfen, ohne den Druck zu spüren, uns in Richtung Perfektion, Berechenbarkeit oder Rationalität zu optimieren?
Gott wurde Mensch – darum dürfen auch wir Mensch sein.
Maschinen, Exel-Files und Programme sind berechenbar, programmierbar und logisch, wir fühlen uns sicher, weil wir sie (oft) beherrschen. Der Mensch aber ist nicht perfekt. Gott sucht im Menschen gerade nicht das Perfekte, das Berechenbare. Gott ist der Unvollkommenheit des Menschen mächtig, er erträgt sie. Gott liebt den herzhaften Menschen. In all seiner Unvollkommenheit. Er tut dies so sehr, dass er selbst Mensch wurde.