Im Rahmen meines Studiums habe ich für www.igw.edu eine Exegese-Arbeit zu Matthäus 7,1-5 geschrieben, diese habe ich stark verkürzt und angepasst und daraus diesen Blogpost erstellt.
«Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!». Was für eine einschneidende Aussage von Jesus!
Doch was bedeutet sie für uns heute? Wir leben in einer Zeit, in der Moral (und moralische Überlegenheit) als Statussymbol geführt wird und in den sozialen Medien ein Klima der Empörung weit verbreitet ist. Was nicht in mein Weltbild passt, wird schnell als «problematisch» ver- oder zumindest beurteilt.[1] Und weiter müssen wir uns fragen: Was bedeuten die Worte Jesu in Zeiten, in der allgemeinverbindliche moralische Werte angezweifelt werden und viele ihren moralischen Kompass darin sehen, zu tun «was dich glücklich macht»?
Lesen wir den ganzen Abschnitt (Matthäus 7,1-5) in der Übersetzung von Luz[2]:
1 Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet! 2 Denn mit dem Urteil, mit dem ihr urteilt, werdet ihr beurteilt werden, und mit dem Maßstab, mit dem ihr meßt, wird euch zugemessen werden. 3 Was schaust du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 4 Oder wie wirst du deinem Bruder sagen: »Laß! Ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen!«, und sieh, der Balken steckt in deinem eigenen Auge! 5 Heuchler, zieh zuerst aus deinem eigenen Auge den Balken heraus, und dann wirst du klar sehen, so daß du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen kannst!«
Richten als übliche, aber üble Gewohnheit
Jesus prangert in seiner Bergpredigt eine übliche, jedoch nicht weniger üble Gewohnheit an: das abfällige Urteilen (richten) über unsere Mitmenschen – sofern wir sie denn als das sehen; oft werden Menschen mit anderen Meinungen (leider) schnell zu Feinden. Jesus nennt den Mitmenschen aber Bruder – schon das ist nennenswert.
Allzu oft sehen wir bei andern die Fehler, Fehlverhalten oder moralische Unzulänglichkeiten sehr schnell, während wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten – bewusst oder unbewusst – grosszügig übersehen.
Das Verbot zu richten ist nicht nur eine Anweisung für den zwischenmenschlichen Umgang in der Gemeinde (das ist es sicher auch), sondern eine grundsätzliche Infragestellung allen unbarmherzigen Richtens. Dort, wo Gottes Reich anbricht, sollte es mit dem (unbarmherzigen) Richten von Menschen über Menschen ein Ende haben – so das Ideal. Ganz grundsätzlich prangert Jesus ein Richten im Sinne von aburteilen, verdammen oder brandmarken an.
Das Mass, mit dem wir messen
Jesus sagt: «Denn mit dem Urteil, mit dem ihr urteilt, werdet ihr beurteilt werden, und mit dem Maßstab, mit dem ihr meßt, wird euch zugemessen werden.» Diese Aussage konfrontiert uns – ja, sie spitzt zu: Wie hart wir urteilen, so hart werden wir selbst beurteilt werden (von Gott). Wenn wir unbarmherzig urteilen, müssen wir bedenken, dass wir selbst vor Gottes Gericht stehen werden; und dann werden wir – wie jeder andere Mensch – auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sein. Genau diese Gnade und Barmherzigkeit scheinen wir – so die Logik des Matthäus – mit einem harten Urteil zu verspielen. Mit mehr Nachdruck lässt sich das kaum sagen! Das bedeutet nicht, dass wir keine ethischen Massstäbe haben sollen (auf mich wirkt der Vers so, als dass es ein gesundes Mass der Beurteilung geben würde), aber sie sollen uns nicht zu einer Haltung der Überlegenheit (ver)führen. Vielmehr sollen sie uns bewusst machen, dass wir alle auf Gottes Gnade angewiesen sind. Da wo wir das aus den Augen verlieren, stehen wir selbst in der Gefahr, dem Gericht Gottes zu verfallen – so die Logik hinter dem Vers.
Der Splitter und der Balken
Die Verse 3-5 des Kapitels machen die Problematik der Heuchelei noch deutlicher. Wir sehen den Splitter im Auge unseres Bruders, aber übersehen den Balken im eigenen Auge. Dieses Bild geht unter die Haut und stellt uns als Richter selbst in Frage. Derjenige, der sich mit den Fehlern anderer auseinandersetzt, wird nun von Jesus mit «Du» angesprochen und selbst in Frage gestellt. Jesus ruft uns dazu auf, zuerst den Balken aus unserem eigenen Auge zu entfernen, bevor wir versuchen, den Splitter aus dem Auge unseres Bruders zu ziehen (aus diesem Bild wird natürlich völlig klar, dass jemand mit einem Balken im Auge gar nichts sehen kann).
Die Sünde des Bruders wird in diesen Versen nicht zu dessen Privatsache erklärt. Jedoch wird das Entfernen des Splitters im Auge des Bruders – nach der Einsicht des Lesers in die eigene Unzulänglichkeit – nicht mehr abkanzelnd oder von oben herab geschehen, sondern mit viel Barmherzigkeit und Freundlichkeit und in einem Geist der Liebe. Die Sünde des Bruders bleibt eine Sünde. Der Splitter im Auge des Bruders bleibt ein Splitter. Es geht nicht darum, dass einfach jeder ausschliesslich vor der eigenen Tür kehrt. «Ob allerdings dann [nach der Einsicht, dass wir selbst auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind] die Assistenz des Bruders, dessen Balken entfernt worden ist, bei der Entfernung des Splitters noch den Charakter des ‘Richtens’ haben kann, scheint mir im Sinne des Matthäus fraglich», so Luz.[3]
Einmal selbst in Frage gestellt zu werden und die eigene Unzulänglichkeit zu bemerken, scheint dazu zu führen, dass unser Urteil ein barmherziges und mildes werden soll. Sünde bleibt Sünde, aber die Richtenden (also wir als Leser) werden milder und barmherziger und finden einen neuen, gnädigeren Umgang mit der Sünde des Nächsten.
Immer wieder fällt mir auf, wie schnell der Reflex da ist, jemanden für etwas abzuurteilen; einen Fehler meines Nächsten herauszustreichen – und wenn es nur dazu dient, mich selbst dadurch besser zu fühlen. Fehlverhalten und Sünden sollen angesprochen werden, das weiss Matthäus (18,15ff) und auch Paulus (1 Kor 5). Dennoch fordert uns Jesus heraus, indem er uns nicht auf unserem moralisch überlegenen Posten zur Ruhe kommen lässt. Genau diese Überlegenheit und Überheblichkeit stellt Jesus bei einem jeden von uns immer wieder in Frage. Und ja; Das ist unangenehm und unkomfortabel.
Fazit
Die Worte Jesu fordern nicht von uns, jegliche moralische Orientierung aufzugeben. Vielmehr rufen sie uns dazu auf, uns nicht über unseren Nächsten zu erheben, ihn lieblos abzukanzeln oder zu brandmarken. Jesus lässt uns auf unserem (scheinbar) moralisch überlegenen Posten nicht zur Ruhe kommen. Die mahnenden Worte Jesu sind ein Aufruf, uns immer wieder von Gott in Frage stellen zu lassen – denn allzu schnell stellen wir alle anderen lieblos in Frage, sehen die Splitter in ihren Augen, aber verpassen es, uns selbst in Frage stellen zu lassen und den Balken in unserem Auge zu bemerken.
Da – und vermutlich nur da! – wo wir selbst von Gott in Frage gestellt werde und darin Barmherzigkeit und Demut erlangen, sind wir in der Lage, unseren Nächsten darin eine Hilfe zu sein, den Splitter aus ihren Augen zu ziehen.
«Was schaust du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?»
Die neusten Blogposts per Mail erhalten?
Um die neusten Blogposts per Mail zugesendet zu bekommen, kannst du dich hier eintragen:
[1] Menasse, Eva 2023. Alles und nichts sagen: vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
[2] Luz, Ulrich 1997. Das Evangelium nach Matthäus. Teilband 1: Mt 1 – 7. 4., durchges. Aufl. Düsseldorf Zürich: Benziger.
[3] Luz, Das Evangelium nach Matthäus