Ich reibe mir die Augen. Was noch vor kurzem kaum vorstellbar war, ist nun Realität: Geschwister im Glauben, Menschen, die ich schätze, erheben Politiker zu einer Art Heilsfigur. Manchmal scheint es, als wären Evangelium und Parteiprogramme deckungsgleich geworden. Eine messianische Erwartung liegt in der Luft.
Wenn das Parteiprogramm zum Evangelium wird
Für unterschiedliche politische Ansichten habe ich viel Verständnis, auch wenn ich sie nicht teile. Man kann vieles unterschiedlich sehen, i get it. Doch nochmals eine andere Qualität ist es, wenn ein politisches Programm unkritisch mit dem Evangelium gleichgesetzt wird, oder aber Politikerinnen oder Politiker von Christen als Heilsbringer gefeiert werden.
Plötzlich wird jede Kritik an solchen Personen als Kritik an Gottes Wirken verstanden. Rückfragen, wie es denn um die Vereinbarkeit mit der biblischen Wahrheit und deren Politik stehe, sind nicht erwünscht. Die Agenda solcher Politiker wird kurzerhand mit dem Reich Gottes gleichgesetzt.
Dass teilweise sehr fragwürdige politischen Positionen solcher Amtsträger gutgeheissen werden, ist das eine. Dass jene Politiker dann aber als Heilsbringer gefeiert werden – das ist aus christlicher Sicht bedenklich! Man mag nun einwenden, dass nicht alle, die z.B. die Politik von Trump oder Putin unterstützen, sie auch als Heilsfiguren anhimmeln – fair enough! Offensichtlich scheint mir aber dies: Der Selbstanspruch dieser Männer ist doch genau dieser; sie sehen sich als Heilsbringer, die es verdienen, angehimmelt zu werden. Mit ihnen – und anderen solchen Politiker – an einem Strang zu ziehen, sie und ihre Politik unkritisch zu feiern; das wird unserer christlichen Verantwortung nicht gerecht.
Politische Macht überschätzen
Schon die Offenbarung des Johannes macht uns klar, dass wir Menschen dazu neigen, politische Macht zu überschätzen und die Herrschaft Gottes zu unterschätzen. Damals war es Rom, heute könnten es Washington, Berlin oder Moskau sein. Natürlich sollen und dürfen wir Christen uns in der Politik engagieren. Hüten sollten wir uns aber davor, Politikerinnen oder Politiker als Heilsbringer zu verehren oder ein Parteiprogramm mit dem Reich Gottes gleichzusetzten.[1] Die Kirche «verkündigt das Evangelium in allen Reichen dieser Welt. Sie verkündigt es auch im Dritten Reich, aber nicht unter ihm und nicht in seinem Geiste», so Barth[2] im Sommer 1933, einige Monate nach Hitlers Machtergreifung. Ja, Paulus fordert Gehorsam gegenüber der Obrigkeit (vgl. Röm 13,1), doch gilt eben auch: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh 18,36).[3] Gläubige sollten also ein «kritisches Korrektiv» für den Staat sein, nicht Politiker als Heilsbringer legitimieren.[4] Denn in der Offenbarung lesen wir: «Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.» (Off 11,15) Seiner Herrschaft sollte unsere erste Achtung gelten.
Jesus (und kein anderer) ist der Messias
Von Anfang an stand im Zentrum der Verkündung der ersten Christen ein einfacher (aber in seiner Tragweite kaum zu überschätzender!) Satz: «Jesus (und kein anderer) ist der Messias!», bzw. der Name: «Jesus (ist der) Christus!». Im Zentrum der Verkündigung von Jesus selbst stand die Gottesherrschaft – also gerade keine Regentschaft von Menschen, sondern von Gott – und auch kein Aufruf zur Loyalität gegenüber politischen Anführern, sondern zu Gott.[5] Paulus, der in einer Welt voller politischer Machtspiele lebte, machte unmissverständlich klar, wem seine Treue und Loyalität galt: «Paulus, ein Knecht Christi Jesu» (Röm 1,1) und als wessen Bürger er sich verstand: «Wir aber sind Bürger im Himmel» (Phil 3,20).
In Jesus haben sich «alle messianischen Verheissungen erfüllt und werden sich vollendes erfüllen; einen anderen Messias [= Heilsbringer] als den zur Rechten Gottes erhöhten Christus haben Israel und die Völker in Zeit und Ewigkeit nicht zu erwarten».[6] Alle messianischen Verheissungen erfüllen sich in Jesus – und nur in ihm. Heute erleben wir zunehmend, wie manche Christen auf politische Anführer hoffen, die sich gebärden, als wären sie von Gott gesandt, um das Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Da muss man sich schon fragen: Welchen Selbstanspruch erhaben solche Politiker? Ist es nicht ein Anspruch (Heilsbringer zu sein) den Christen allein Jesus Christus zusprechen können und dürfen, weil sie «nicht zwei Herren dienen können» (vgl. Mt 6,24)? Und wird darin nicht auch eine fehlende kritische Distanz von Christen zu einem irdischen Staat, einer Partei oder einem Politiker sichtbar, die wir uns als «Bürger des Himmels» (vgl. Phil 3,20) nicht leisten können?[7]
Prophetische Kritik – schon im Alten Testament
Schon die Propheten im Alten Testament wussten die königlichen Machtfantasien aufs Schärfste zu kritisieren. Es ist eine nur schwer zu ertragende Tatsache, dass genau jene Politiker von gewissen Christen als Heilsbringer gefeiert werden, die für solche Machtfantasien stehen (Trump liess über den Kanal des Weissen Hauses posten: «Long Live the King»[8]). Wenn der Prophet Jesaja – um nur ein Beispiel zu nennen – seine Kritik anbringt, lässt sich kaum leugnen, dass sie heute nicht weniger aktuell ist als damals: «Deine Führer – Aufrührer sind sie, die mit Dieben unter einer Decke stecken, scharf auf Geschenke und Bestechungsgeld! Aber den Waisen verhelfen sie nicht zu ihrem Recht und die Klagen der Witwen hören sie gar nicht erst an.» (Jes 1,23)
Jesus hat vorgelebt, wie das Reich Gottes ausschaut: «Jesus hat […] die ,Armen’ förmlich erfahren und spüren lassen, daß Gott sich ihrer erbarmt und daß er sie neu ,annehmen’ will.»[9] Das ist kein politisches Programm. Es ist schlicht das Licht des Reiches Gottes, das einen langen Schatten auf nationalistische und populistische Politik wirft. Der notorische Drang, anderen durch schiere Macht den eigenen Willen aufzudrücken, zeichnet so manche politische Bewegung aus. Das Leben und die Lehre Jesu verbieten uns, ein solches politisches Programm anzuhimmeln, geschweige denn mit dem Reich Gottes zu identifizieren (vgl. Mk 10,45). Wo solche «Bewegungen» – auch mit besten Absichten – unkritisch als Wirken Gottes verstanden werden, ist «Irrtum und Sekte mindestens in größter Nähe».[10] Das Reich Gottes geht eben gerade nicht in einer Nation oder einem politischen Programm auf! Nicht zuletzt steht Pfingsten auch als Zeichen dafür, dass das Reich Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes alle Grenzen sprengt (vgl. Apg 2,1-13).
Bibeltreue?
Mir geht es nicht primär um politische Haltungen. Wie gesagt: Ich habe für verschiedenste (nicht alle) politische Haltungen Verständnis, wenn ich auch viele davon nicht teile. Was mir aber Bauchschmerzen bereitet, ist, wenn «bibeltreue» Christen unkritisch politische Programme, die den biblischen Werten so offensichtlich widersprechen, mit dem Reich Gottes gleichsetzen. Unsere Treue muss doch – über politische Präferenzen hinweg – dem einen Wort Gottes gelten: Jesus Christus. Auch hier finde ich die Ermahnung von Barth – auch nach fast 100 Jahren – noch sehr treffend: «Darum kann die Kirche […] keine Gleichschaltung sich gefallen lassen. Sie ist die naturgemäße Grenze jedes, auch des totalen Staates.»[11] – oder eben eines Staates, einer Partei oder eines Politikers, die gerne total wären – es hoffentlich aber nicht werden.
Christus nachzufolgen war schon für die ersten Christen ein Akt des Widerstandes gegen politische Machthaber. Das sollten wir gerade heute nicht vergessen.
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Quellen:
[1] Eugene H. Peterson 1988. Reversed Thunder: The Revelation of John and the Praying Imagination. San Francisco: HarperOne. S. 117ff
[2] Barth, Karl 1984. Theologische Existenz heute! 1933. H. Stoevesandt, hg. München: Kaiser. S. 59
[3] Huber, Wolfgang, Meireis, Torsten & Reuter, Hans-Richard (Hg.) 2015. Handbuch der Evangelischen Ethik: HEE. München: C.H. Beck. S. 201
[4] Huber, Wolfgang, Meireis, Torsten & Reuter, Hans-Richard (Hg.), S. 217
[5] Stuhlmacher, Peter 2005. Grundlegung: von Jesus zu Paulus. Bd. 1, 3., neubearbeitete und ergänzte Auflage 2005. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 66f
[6] Stuhlmacher, S. 184f
[7] Glaube und Gesellschaft im Gespräch: https://www.youtube.com/watch?v=V8hEf5df1no (ab Min. 17) [Aufgerufen am 9. März 2025]
[8] The White House: https://www.instagram.com/p/DGRDGQWxlhX/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==[Aufgerufen am 9. März 2025]
[9] Stuhlmacher, S. 71
[10] Barth, S. 81
[11] Barth, S. 86

