
Wenn der Glaube nur im Kopf stattfindet, wird’s staubtrocken. Wenn der Glaube gar nicht im Kopf stattfindet, wird’s beliebig und gefährlich.
Die Bibel ist weder ein Kreuzworträtsel, das kognitiv «gelöst» werden muss – noch kann man einen vernünftigen (christlichen) Glauben leben, ohne sich auch kognitiv mit der Bibel und den Inhalten des Glaubens zu befassen.
Jesus sagt: «Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.» (Joh 15,4–5). Das klingt eher nach gelebter Gottesbeziehung als nach Verstand. Zugleich fordert Jesus uns aber auch heraus: «Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.» (Mk 12,30).
Glauben und Denken gehören also zusammen. Aber wie?
Denkend glauben
Das Nachdenken über den Glauben (Theologie) braucht ein «Oberlicht» – also irgendeine Beziehung zu Gott. Nur wenn wir im Gebet rufen: „Komm, Heiliger Geist!“, kann unser Nachdenken fruchtbar werden – zum Heil der Menschen und zur Ehre Gottes. Theologie, die losgelöst ist von einer echten Beziehung zu Gott, bleibt leer und verfehlt sich selbst.[1]
Das bedeutet: Wir können uns nicht einfach auf Bücher oder Predigten abstützen. Erfahrungen aus zweiter Hand sind hier nicht ausreichend. Es braucht mein eigenes Gebet, meine ehrliche Auseinandersetzung mit Jesus, mein Leben in seiner Gegenwart, mein Nachfolgen und Tun. Nur so wird unser Nachdenken über Gott zu etwas, das Herz und Leben verändert – nicht nur mein eigenes, sondern auch das meiner Mitmenschen.[2]
Jakobus erinnert uns: «Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein» (Jak 1,22). Glaube zeigt sich also nicht in Worten oder Gedanken, sondern in einem Leben, das in Gott verwurzelt ist und sich dementsprechend verhält (vgl. Joh 15,4ff).
Glaubend denken
Manchmal schleicht sich in Freikirchen die Angst ein, dass zu viel Denken dem Glauben schadet. Dieses Entweder-oder erweist sich aber als Illusion: Glaube ist immer auch Glaube von denkenden Menschen. Vernunft und Vertrauen gehören zusammen.[3]
Ja, Glaube kann nicht rationalisiert werden – viel eher ist er «überrational»: Er lässt sich verantworten und begründen, geht aber über unsere Vernunft hinaus – dies aber ohne ihr zu widersprechen. Zwischen Glauben und Vernunft dürfte es – grundsätzlich – keinen Widerspruch geben, da beide ihren Ursprung in Gott haben, der sich nicht widersprechen kann.[4] Glaube ist also eine begründete, verantwortete Entscheidung, die mitten im Leben standhalten soll und kann.[5] Darum schreibt Petrus: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt.» (1Petr 3,15)
Glauben und denken – leben und lieben
Wir dürfen – ja, wir sollen! – Fragen stellen, mit einer kritischen Sympathie den biblischen Texten begegnen[6], nachdenken und nachhaken, und mit Fragen ringen. Unser Glaube wird nicht kleiner, wenn wir denken – er wird vermutlich eher tiefer und tragfähiger. In all dem sollten wir aber nie vergessen, dass unser Glauben – selbstverständlich! – nicht in unsere Vernunft aufgeht. Ohne Verbundenheit und Beziehung zum «Inhalt» des Glaubens – Gott höchst persönlich – wird alles Nachdenken trocken und leblos. Unser Glaube wird dann blutleer.
Am Ende des Tages geht es darum, ob wir leben, was sie lehren; also darum, ob wir verkörpern (zumindest teilweise), über was wir nachdenken, wovon wir überzeugt sind und von was wir reden.[7] Orthodoxie (das rechte Glauben) und Orthopraxis (das rechte Tun) gehören zusammen.[8] Das ist eine echte Herausforderung: Denn niemand kann aus eigener Kraft Jesus «verkörpern». Es braucht eine lebendige Spiritualität (am Weinstock bleiben) – worin wir erleben, dass Gottes Geist uns verändert.[9]
Als Fazit können wir mit Paulus festhalten: «Das Ziel der Unterweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.» (1. Tim 1,5). Die (gelebte) Liebe ist also Ziel von Denken und Glauben.
Die neusten Blogposts per Mail erhalten?
Um die neusten Blogposts per Mail zugesendet zu bekommen, kannst du dich hier eintragen:
Quellen
[1] Barth, Karl 2013. Einführung in die evangelische Theologie. 8. Auflage. Zürich: TVZ Theologischer Verlag. S. 177ff
[2] Körner, Bernhard, Baich, Christa & Klimann, Christine 2008. Glauben leben – Theologie studieren: eine Einführung. Innsbruck Wien: Tyrolia-Verl. S. 109ff
[3] Körner, Bernhard, Baich, Christa & Klimann, Christine 2008. Glauben leben – Theologie studieren: eine Einführung. Innsbruck Wien: Tyrolia-Verl. S. 103
[4] Körner, Bernhard, Baich, Christa & Klimann, Christine 2008. Glauben leben – Theologie studieren: eine Einführung. Innsbruck Wien: Tyrolia-Verl. S. 127f
[5] Küng, Hans 1980. Existiert Gott?. München: R. Piper & Co. Verlag. S. 630f
[6] Stuhlmacher, Peter 2005. Grundlegung: von Jesus zu Paulus. Biblische Theologie des Neuen Testaments Bd. 13. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 12
[7] Volf, Miroslav & Croasmun, Matthew 2019. Für das Leben der Welt: ein Manifest zur Erneuerung der Theologie. W. Dürr, hg. Münster: Aschendorff. S. 132f
[8] IGW 2009. 12 Thesen zur missionalen Theologie. Zürich: IGW.
[9] Wright, Tom. 2009. Justification: God’s Plan & Paul’s Vision. London: SPCK. S. 164

