
Dieser Blogpost ist relativ lang und ausführlich. Wer nicht so lange lesen mag, kann sich den Text auch von einer KI zusammenfassen lassen.
Das Abenteuer beginnt!
Ich bin ein Kind der pfingstlich-charismatischen Bewegung. Weite Strecken meines Lebens kannte ich schlicht nichts anderes als jene Subkultur der pfingstlich-charismatischen Bewegung, die als «New Apostolic Reformation» bezeichnet wird – insbesondere die Bewegung um die Bethel Church und Lifestyle Christianity. Lange Zeit dachte ich, dass «uns» eine privilegierte Erkenntnis zuteil geworden sei, wie das Reich Gottes in der Welt wirklich vorangetrieben wird.
Nur im Rückblick, also «von hinten», lässt sich Gott erkennen und sehen; das lehrt uns die Gottesbegegnung des Mose:
«Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.» 2 Mose 33,22-23
Erst durch eine gewisse Distanz, eine gewisse Zeit, die ins Land gezogen ist, lässt sich sagen, wo im eigenen Erleben Gott am Werk war – und wo eben auch nicht. Rückblickend stelle ich fest, dass ich verschiedentlich Gott begegnet bin. Ich schaue auf prägende Gottesbegegnungen und bereichernde Freundschaften zurück. Damit ist aber auch klar: Als Teil dieser «apostolische» Bewegungen verstehe ich mich nicht mehr.
So fallen im «Rückspiegel» neben den bereichernden (Gottes-)Erfahrungen auch Aspekte auf, die ich aus meiner heutigen Warte kritisch beurteile: Gegebenheiten, die ich heute anders einordne und nicht mehr denke, dass dort Gott am Werk war – und Gegebenheiten, in denen ich heute sehe, dass ich (bewusst oder unbewusst) hinters Licht geführt wurde.
Da ich aktiv und öffentlich meine Begeisterung für diese «apostolische» Bewegungen in den USA geteilt und weitergegeben habe, empfinde ich die Pflicht, nun auch jene Aspekte zu benennen, die ich heute als ungesund bezeichne. An manchen Stellen sehe ich inzwischen deutlicher, dass Menschen hinters Licht geführt, betrogen und Zerbruch zumindest in Kauf genommen wurde. Andere haben diese Kritik bereits ausführlich formuliert – etwa Mike Winger[1]. Ich will hier meine eigene Einordnung beitragen.
Vorab eine Klarstellung: Meine Kritik richtet sich nicht gegen pfingstlich-charismatische Theologie oder Spiritualität als solche. Ich arbeite selbst aus Überzeugung als Pastor in einer charismatischen Freikirche (Vineyard). Im Gegenteil: Ich schätze verantwortete, reflektierte und selbstkritische Stimmen wie Craig S. Keener, Gordon D. Fee, Amos Yong und James K. A. Smith ausdrücklich. Ebenso kenne ich viele Pastor:innen, die in der pfingstlich-charismatischen Bewegung einen hervorragenden Dienst tun. Kritisiert wird hier vielmehr eine spezifische «apostolische» Subkultur im Umfeld der NAR bzw. in Bethel-nahen Strömungen – und ihre problematischen Dynamiken.
Die Sonnenseite
Beginnen möchte ich damit, zu würdigen, was ich in dieser Bewegung an Gutem mitgenommen habe. Treu nach dem biblischen Motto: «Prüfet alles und behaltet das Gute» (vgl. 1 Thess 5,21).
Lebendige Spiritualität und Mut zum Glauben
In dieser Bewegung habe ich eine lebendige, pulsierende, aufregende Spiritualität erlebt, die alles auf eine Karte setzt und die Gotteserfahrung sucht. «Die Erfahrungen von Christinnen und Christen im Globalen Süden lehren, dass der Geist so Herzen zu öffnen vermag, dass in diese Gottes Lebendigkeit einströmt», so Feldmeier. Menschen erleben eine Lebendigkeit durch Gottes Geist.[2] In weiten Teilen dieser Bewegung wird mit einer wohltuenden Kindlichkeit gebetet und geglaubt.
Klarheit und Orientierung
Zugleich bietet diese Bewegung vielen Menschen Orientierung: Sinn, weil man Teil von etwas Grösserem ist und sich als wirksam erlebt – getragen von dem Vertrauen, dass Gott gegenwärtig ist. Auch klare Werte und Grenzen können Halt und Sicherheit geben. Das kann Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen stärken.
Die Schattenseite
Neben den bereichernden Aspekten fallen mir mit einer gewissen Distanz und im Rückblick auch kranke Aspekte auf: Praktiken und Dynamiken, die Menschen krank machen können und dem Evangelium von Jesus Christus nicht gerecht werden – auch darum, weil sie teilweise (!) schlicht verlogen sind.
Ein Beispiel: Wenn «prophetische Eindrücke» aus öffentlich zugänglichen Informationen gespeist werden (Google, Facebook usw.), aber als direkte Offenbarung Gottes ausgegeben werden, ist das Täuschung. Besonders problematisch wird es dort, wo daraus ein Geschäft gemacht wird und Menschen zu Schaden kommen. In solchen Kontexten zeigen sich nicht selten auch andere Formen von Missbrauch und Grenzverletzungen – bis hin zu sexualisierter Gewalt. Das ist unvereinbar mit dem Evangelium und darf weder relativiert noch akzeptiert werden (für das Fehlverhalten im Umgang mit Shawn Bolz hat sich das Bethel-Leitungsteam kürzlich öffentlich entschuldigt und um Vergebung gebeten).
Die nun folgende Kritik sollte dem Selbstanspruch dieser Bewegung, die Bibel ganz ernst zu nehmen, entsprechen – und insofern berechtigt sein.
Übersteigerte Vollkommenheitserwartung
Unangenehm bleibt mir in Erinnerung, wie sehr eine Art von Vollkommenheit geglaubt und erwartet wurde – und zwar nicht erst dann, wenn Gott alles neu und gut machen wird (vgl. Off 21,5), sondern bereits im Hier und Jetzt. Durch die Kraft des Heiligen Geistes, so die Logik, könnten Menschen jeglicher Sünde widerstehen, komplett gesund werden (und bleiben!), vollkommen liebevoll und gerecht leben, eine gesicherte Einsicht in Gottes Willen gewinnen und seine Stimme vollkommen klar hören.[3]
Als Kontrast wird hingegen im Neuen Testament die Spannung des «schon jetzt und noch nicht» hochgehalten: Christen leben bereits aus der erneuernden Kraft Gottes, sind jedoch noch nicht vollendet (vgl. Röm 8,18ff, 1 Joh 3,2).
Rückblickend scheint mir klar, dass dadurch (möglicherweise oft unbewusst) viel Druck in das Leben der Gläubigen kommt. Dass Menschen daran zerbrechen können, überrascht kaum. Diese übersteigerte Erwartung an das eigene Leben – und oft auch an das Leben und die Integrität der Leiter:innen – kann fast nur in Frust und Ent-Täuschung enden. Ein (biblisches) Bewusstsein für die Gebrochenheit des Menschen scheint dabei häufig zu fehlen (vgl. Röm 3,23 und Röm 7,18). Bei Bonhoeffer findet sich ein wesentlich gesünderer Umgang mit menschlicher Unvollkommenheit: «Der wirkliche Mensch darf in Freiheit das Geschöpf seines Schöpfers sein. […] Krampf, Zwang etwas anderes, besseres, idealeres zu sein als man ist, ist hier abgetan. Gott liebt den wirklichen Menschen.»[4]
Wenn Leiter:innen öffentlich kaum je Schwäche, Irrtum oder Korrektur zeigen, entsteht zwangsläufig ein unrealistisches Bild geistlicher Vollkommenheit – selbst dann, wenn dies nur selten ausdrücklich so behauptet wird.
Auch Hempelmann bringt die Spannung des Lebens als Mensch eindrücklich auf den Punkt (vgl. 1 Joh 3,20): «Ich weiß, dass ich mich verfehle, wirklich und wahrhaftig, und dass das meine empirische Wirklichkeit ist, die mir mein Gewissen so klar zeigt, dass ich daran nicht vorbeikomme; aber ich muss diese Wahrnehmung nicht verleugnen, […]. Ich weiß, dass ich unbegreiflicherweise vor Gott, also da, wo es drauf ankommt, bei der Instanz, die wichtiger ist als selbst mein Gewissen, jemand anders bin: nämlich ein von Gott Angesprochener, Wertgeschätzter, Geliebter.»[5]
Vernachlässigung des Kreuzes und der Gebrochenheit
Wenn wir davon ausgehen, dass das Kreuzesgeschehen uns zwei – quasi paradoxe – Wahrheiten aufzeigt: einerseits die Auferstehung als Sieg und Herrlichkeit, andererseits das Kreuz als Gebrochenheit, Schmerz und Erniedrigung, dann wird gemäss meinem Erleben in der apostolischen Bewegung stark die Auferstehung, der Sieg betont (was an sich nicht falsch ist), schmerzlich vernachlässigt werden jedoch das Kreuz, die Erniedrigung und das Gebrochen-Sein (vgl. 1 Kor 1,23 und Röm 8,17-18). Moltmann (ein Freund von Pfingstpastor David Yonggi Cho) schreibt es so:
«Die Erinnerung an den Gekreuzigten verbietet es, dieses Fest seiner Auferstehung als Ausflucht aus den leidvollen irdischen Verhältnissen anzusehen […]. Die Hoffnung auf das Kommen des Auferstandenen […] verbietet es, Leiden und irdisches Elend nur zu beklagen.»[6]
Nicht zuletzt zeigt sich diese Schieflage im Leben mancher (bekannter) Leiter:innen: Sie sind fast alle reich und haben viel Macht. Für viele Menschen hat das zur Folge, dass sie in ihrer eigenen Gebrochenheit nicht akzeptiert werden, dass sie nagenden Selbstzweifeln und zermürbenden Gedanken des Nicht-Genügens überlassen werden. Beispielsweise teure Autos öffentlich als «Geschenk Gottes» zu propagieren, wirkt dann wie Häme.
Wie sollte man Gebrochenheit aushalten, wenn doch der Sieg, der «Durchbruch», der Reichtum angeblich nur ein richtiges, geglaubtes, gesalbtes Gebet entfernt ist? Diese Kränkung kann auf Dauer krank machen. Besonders dann, wenn suggeriert wird, dass diejenigen, die aufrichtig leben und glauben, reich und gesund sind. [7] Das wird vielleicht nicht immer so gelehrt, aber allzu oft dennoch suggeriert. Paulus (!) weiss dazu folgendes zu schreiben:
«Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. […] So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch.» 2. Kor 4,10 + 12
Bonhoeffer erinnert demgegenüber daran: «Christen stehen bei Gott in seinem Leiden» und: «Nur der leidende Gott kann helfen». Also nicht Herrlichkeit, Macht und Sieg sind Zeichen eines aufrichtigen Lebens als Christ, denn «Christus [hat] in Freiheit, in Einsamkeit, abseits und in Schanden, an Leib und Geist» gelitten. Darin dürfen wir immer wieder Trost finden und uns in unserer Unvollkommenheit gehalten wissen.[8]
Dabei muss man niemandem böse Absichten unterstellen. Ich kann selbst sagen, dass ich jahrelang – weitgehend ohne böse Absichten – genau in dieser Logik gelebt habe. Explizit wird das oft kaum so gelehrt; implizit ist es jedoch eine häufig präsente Dynamik, die für Insider schwer zu durchschauen und noch schwerer zu durchbrechen ist. Darunter leiden Menschen – und nicht zuletzt auch Leitungspersonen selbst (die aber gleichzeitig stark davon profitieren).
Ich habe diese Dynamik viel zu lange unterschätzt. Die Vorstellung, der «Durchbruch» sei nur ein gesalbtes Gebet entfernt, verkennt, wie viel Schmerz und Erniedrigung einem Menschen angetan wird, wenn sein Leiden nicht ernst genommen wird. Dabei gehört zum Leben als Christ auch die Einsicht, dass Leid – auch durch noch so gesalbte Gebete – nicht mit Sicherheit erspart werden kann.
Idealisierung von Leiter:innen und Machtgefälle
Ein Beispiel: Wenn Menschen problematische Erfahrungen ansprechen – etwa geistlichen Druck, Grenzverletzungen oder widersprüchliche prophetische Aussagen bis hin zu missbräuchlichen Erlebnissen –, wird nicht selten zuerst ihre geistliche Haltung hinterfragt: ob sie genug Glauben hätten, ob Bitterkeit, Misstrauen, Verletzung oder mangelnde Hingabe im Spiel sei. Das eigentliche Anliegen rückt dadurch in den Hintergrund, während die betroffene Person selbst zum «Problem» gemacht wird. Kritik wird so oftmals nicht inhaltlich geprüft, sondern «vergeistlicht» – aus dem Grund, dass «die Leiter:innen sicher nicht Teil des Problems sein können».
Dieses fehlende Bewusstsein für die Unvollkommenheit und Gebrochenheit des menschlichen Lebens führt – so meine Annahme – auch zu dem Punkt, an dem diese Bewegung heute steht: In den vergangenen Jahren haben sich unzählige Leiter:innen aus diesem Umfeld missbräuchliche Verfehlungen unterschiedlichster Art zuschulden kommen lassen. Eine wirkliche, öffentliche und klare Distanzierung durch andere Verantwortungsträger:innen lässt jedoch grossmehrheitlich bis heute auf sich warten (für das Fehlverhalten im Umgang mit Shawn Bolz hat sich das Bethel-Leitungsteam öffentlich entschuldigt und um Vergebung gebeten)[9].
Vielfach entsteht der Eindruck, dass Leiter:innen lieber vertuschen, sich gegenseitig decken und schützen, als dass die Wahrheit ans Licht kommt. Ein konsequentes Eintreten für die Opfer gibt es in den wenigsten Fällen; allzu oft werden die «gesalbten» Leiter gedeckt – damit das «Reich Gottes» keinen «unnötigen» Schaden erleidet. Die Folge sind Intransparenz und das Kaschieren von Fehlern. Jene, die über Macht und Einfluss verfügen, nutzen diese leider kaum dafür, jenen Menschen zu helfen, die Opfer von Missbrauch wurden.[10] Auch hier geht es mir nicht darum, jemandem bewusst böse Absichten zu unterstellen. Ich vermute vielmehr ein tiefer liegendes Problem. Gerade deshalb ist es nicht damit getan, dass man sich «mehr Mühe gibt» oder einzelne Verhaltensweisen korrigiert. Tiefliegende Glaubenssätze und implizite Theologien erschweren einen gesunden Umgang.
Auch hier zeigt sich ein grundlegendes Problem: Weil Leiter:innen auf einen unberechtigten Sockel der Vollkommenheit gestellt werden, entsteht ein ungesundes, krankmachendes Gefälle zu den «normalen» Gläubigen. Menschen werden dadurch implizit (manchmal auch explizit!) aufgefordert, sich selbst derart in Frage zu stellen, ihrem Bauchgefühl derartzu misstrauen, sich selbst derart nicht ernst zu nehmen – bis hin zu einem Mass, dass sie daran zerbrechen. Gleichzeitig wird es in solchen Strukturen kaum mehr möglich, Fehler und Verfehlungen offen anzusprechen. Auch hier setzt Paulus einen wohltuenden Kontrast:
«Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen.» 2 Kor 4,5
Auch der Anspruch Jesu wird hier leider nicht ernst genug genommen:
«Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.» Mt 23,10-12
Natürlich greift es zu kurz, die alleinige Schuld bei den Leiter:innen zu suchen. Sicherlich sind auch übersteigerte Wünsche und Sehnsüchte der Menschen, die solche Events besuchen, mitverantwortlich. Wie sehr diese Wünsche jedoch von den Redner:innen geweckt – und teils gezielt verstärkt – werden, bleibt für mich eine offene Frage.
Gleichzeitig gilt: Wer lehrt und geistliche Verantwortung übernimmt, steht nach biblischem Zeugnis in einer besonderen Rechenschaft (Jak 3,1; Lk 12,48; 1 Petr 5,2–3). Das soll nicht als Ruf zur moralischen Vollkommenheit verstanden werden, viel mehr als erhöhte Verantwortung und Rechenschaftspflicht – gerade dort, wo geistliche Macht und Abhängigkeiten entstehen. Entsprechend geht es nicht um geistliche Überhöhung von Leitenden, sondern um Begrenzung von Macht, Transparenz und den Schutz der Anvertrauten.
Verwischung der Grenze zwischen Gott und Mensch
Dass das Reden solcher Leiter:innen allzu oft mit dem Reden Gottes identifiziert wird, ist leider bittere Realität. Die klare – und wichtige! – Unterscheidung zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Reden Gottes und dem (unvollkommenen) Reden von Leiter:innen, wird dabei häufig verwischt. So wird eine Art von Vollkommenheit und Überlegenheit suggeriert (von der die Leiter:innen in vielfältiger Weise profitieren), die der Wahrheit nicht entspricht, theologisch nicht haltbar ist und Menschen krank machen kann – gerade dann, wenn sie sich in Selbstzweifeln innerlich zermürben. Emil Brunner wies schon vor über 100 Jahren auf die Wichtigkeit dieser Trennung hin:
«Ein Mensch mag so sittlich-religiös vollkommen sein wie er will: er ist doch nur ein Mensch und hat mir als solcher von Gott nichts zu sagen. Denn entweder sagt er mir bloß, was ich nachher selbst nachprüfen kann: dann ist er ‘Lehrer’ und steht mit mir auf gleichem Boden, er ist mir nur um ein paar Schritte voraus. Oder aber er teilt mir wirklich Geheimnis Gottes mit: dann kann er das nur tun kraft göttlichen Auftrags, also nicht als er selbst, und wer er selbst ist, kann mir dabei gleichgültig sein.»[11]
Gerade diese strikte Unterscheidung zwischen Gott und Mensch errichtet eine schützende Mauer gegen mancherlei Missbrauch. Der Machthebel, den Leiter:innen kraft ihres Charismas und ihres Standings entfalten können, wird dadurch bewusst untergraben – und das aus gutem Grund. Auch Paulus macht deutlich, wie begrenzt menschliche Erkenntnis bleibt:
«Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. […] Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.» 1 Kor 13,9-12
Unsere Urteile sind vor-letzte Urteile – auch die Urteile (scheinbar) «gesalbter» Leiter:innen. Alle Erkenntnis bleibt Stückwerk. Hempelmann bringt das treffend auf den Punkt: «Gelingt ein Leben […] nicht nur dort: wo wir uns einlassen und einlassen können auf das soziale Miteinander und Widereinander im Wissen darum, dass uns hier nur vorletzte Urteile begegnen, im Guten wie im Schlechten; dass wir uns wie anderen gezielt und bewusst den Anspruch auf einen Gottesstandpunkt verweigern? Und wird eine solche Lebenshaltung nicht erst dort möglich, wo wir uns gehalten wissen und gehalten erfahren von dem einen großen Du, das sein gutes, unbedingtes, von nichts und niemandem mehr zu relativierendes oder umkehrbares Urteil über uns schon gesprochen hat – in Jesus Christus?»[12]
Ein Gegenentwurf
Wäre es nicht viel heilsamer, einzugestehen, dass das Vollkommene nicht eintritt, bevor Jesus selbst das Vollkommene bringt? Dass jeder von uns – ob Leiter:in oder nicht – unvollkommen, gebrochen und begrenzt ist, aber zugleich mit Gottes Geist erfüllt ist und in seiner Gebrochenheit etwas beizutragen hat?
«Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.» 2 Kor 4,7
Nicht nur einige wenige auf grossen Bühnen, mit viel Publikum (und grossen Gagen), die auf einen Sockel gehoben werden – und leider allzu oft daran zerbrechen, ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden und ihre eigene Theologie nur noch mit realitätsverweigernden Massnahmen aufrechterhalten können.
Nein. Wir alle tragen einen Schatz: in irdenen, unvollkommenen Gefässen.
Mir ist eines wichtig: Gebrochenheit darf sein. Sie gehört zu unserem Menschsein. Ein Bild zu suggerieren, dass entweder
a) Leiter:innen nicht ebenfalls unvollkommene und gebrochene Menschen seien, oder
b) umfassendes Heil und Vollkommenheit im Hier und Jetzt uneingeschränkt möglich seien,
macht auf Dauer Menschen krank und ist biblisch-theologisch nicht haltbar.
Natürlich dürfen und sollen wir Gottes heilsames und kraftvolles Wirken erwarten. Wir dürfen hoffen und glauben. Aber darin dürfen wir nicht unmenschlich, realitätsverweigernd oder überheblich werden.
Fazit
Diese «apostolische» Subkultur der charismatischen Bewegung kann krankmachende Dynamiken entfalten – und bleibt dabei nicht selten hinter ihrem eigenen Anspruch zurück, die Bibel in ihrer Gesamtheit ernst zu nehmen. Die jüngere Geschichte macht das schmerzhaft sichtbar.
Und doch gilt weiterhin: «Prüfet alles und behaltet das Gute» (1 Thess 5,21). Charismatische Spiritualität als solche ist nicht das Problem, so meine Überzeugung. Wo sie im Geist Jesu gelebt wird (demütig, transparent, dienend), kann sie ein Segen sein. Gerade darum braucht es den Mut, Schatten klar zu benennen, damit das Gute nicht von ungesunden Auswüchsen überdeckt wird.
Anmerkung für Betroffene
Menschen, die an oder in dieser Bewegung zerbrochen sind und sich nach Heilung sehnen, sei die Arbeit von Inge Tempelmann empfohlen, insbesondere ihre Beratungsangebote und ihr Buch:
Tempelmann, Inge (2024): Religiöser Missbrauch. Auswege aus frommer Gewalt – Ein Handbuch für Betroffene und Berater. 1. Auflage. Holzgerlingen: SCM Hänssler.
(Weitere Informationen: www.tempelmann-spiritualcare.de und www.tempelmann-beratung.de)
[1] Winger, Mike: https://youtu.be/n27WA81T_Js?si=wJ8jgCXCjb8zoGsI und https://youtu.be/GH05S53QlY0?si=O-NVp5BiwkpwK5RM und https://youtu.be/SND3aa_L300?si=RzfMOL2wIuA1Lyk9
[2] Feldmeier, Reinhard 2020. Gottes Geist: die biblische Rede vom Geist im Kontext der antiken Welt. Tübingen: Mohr Siebeck. S. 29f und 201
[3] Ein Beispiel dazu: Johnson, Bill: «Wisdom Has No Adversary» https://www.youtube.com/watch?v=f1bSRGvlfm0
[4] Bonhoeffer, Dietrich 1992. Dietrich Bonhoeffer Werke. 6: Ethik / Dietrich Bonhoeffer. Hrsg. von. 5., durchgeseh. Auflage der Taschenbuchausgabe (2.Auflage 1998). I. Tödt, hg. Gütersloh: Gütersloher Verl.-haus. S. 81f
[5] Hempelmann, Heinzpeter 2006. „Was sind denn diese Kirchen noch …?“: Christlicher Wahrheitsanspruch vor den Provokationen der Postmoderne. 2. Aufl. Wuppertal: SCM, Brockhaus. S. 171ff
[6] Moltmann, Jürgen 2010. Kirche in der Kraft des Geistes: ein Beitrag zur messianischen Ekklesiologie. Unveränd. Nachdr. d. 2. Aufl. 1989. Gütersloh: Gütersloher Verl.haus. S. 131
[7] Roth, Wolfgang 2021. Die Resiliente Führungskraft: Sich Selbst und Andere Gesund Führen. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. S. 57f
[8] Bonhoeffer, Dietrich 2011. Werke. 8: Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft / Dietrich Bonhoeffer. Hrsg. von Christian Gremmels. Vollst. Ausg., versehen mit Einl., Anmerkungen und Kommentaren, 1. Aufl. der Taschenbuchausg. C. Gremmels, hg. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. S. 35, 515, 534
[9] https://www.bethel.com/news/an-important-letter-from-bill-kris-and-dann-on-behalf-of-bethel-leadership [Stand: 26. Januar 2026]
[10] Winger, Mike: https://www.youtube.com/watch?v=GH05S53QlY0
Dawns, Jubilee: https://www.instagram.com/jubileedawns/?hl=de
[11] Brunner, Emil 1927. Der Mittler. Tübingen: J. C. B. Mohr. S. 200
[12] Hempelmann, Heinzpeter 2008. „Was sind denn diese Kirchen noch …?“: Christlicher Wahrheitsanspruch vor den Provokationen der Postmoderne. 2. Aufl. Wuppertal: SCM, Brockhaus. S. 251

