Dieser Text ist im Rahmen meines IGW-Studiums und der Studienreise nach Berlin entstanden. Er ist inspiriert durch Gedanken von Heinzpeter Hempelmann, Oleg Dik, Jürgen Moltmann, Dietrich Bonhoeffer, George Lindbeck, Miroslav Volf und weiteren theologischen Stimmen. Das ausführliche theologische Essay mit Literaturverzeichnis kannst du gerne hier lesen.
Ich freue mich, wenn du mitdenkst, mitträumst oder widersprichst – und mir deine Reaktion schreibst. Deine Rückmeldung werde ich anschliessend im Rahmen meines Studiums reflektieren.
Eine Kirche, die nichts zu verlieren hat.
Den meisten Menschen sind Kirche, Gott und Glaube schlicht egal. Das ist die eigentliche Krise der Kirche. Sie haben die Kirche nicht falsch verstanden. Sie lehnen den Glauben auch nicht kämpferisch ab. Er ist ihnen einfach gleichgültig. Da gibt es auch von freikirchlicher Seite wenig schönzureden. Aber vielleicht beginnt gerade hier eine Befreiung für die Kirche.
Ich glaube: Kirche hat Zukunft. Nicht, weil sie besonders gute Programme hat. Nicht, weil sie administrativ effizienter wird. Nicht, weil sie sich noch etwas besser vermarktet. Bessere Programme, mehr Effizienz, neue Strukturen – you name it! – machen die Kirche nicht weniger hoffnungslos. Wo Kirche nur auf sich selbst und ihre eigenen Möglichkeiten schaut, schwindet der Glaube. Zurecht.
Aber die Kirche ist eben nicht einfach irgendeine Organisation. Sie ist die Kirche Jesu Christi – und er regiert sie. Dass sie seine Kirche ist, dass er an ihr und in ihr wirkt, darf uns hoffnungsvoll stimmen. Und es darf uns die Demut verleihen, von uns selbst und unseren Möglichkeiten wegzuschauen. Jesus sagte:
«Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden» (Mt 16,25).
Daraus ergeben sich einige Perspektiven für die Kirche der Zukunft:
Eine Kirche, die sich nicht selbst behaupten muss
Diese Kirche behauptet sich nicht selbst. Sie lebt auch nicht aus sich selbst und nicht für sich selbst. Sie lebt aus Christus – oder sie lebt nicht. Darum kann sie schwach sein. Schon der Apostel Paulus wusste: Gottes Kraft vollendet sich in der Schwachheit (vgl. 2 Kor 12,9).
Eine solche Kirche ist bereit, sich vom Evangelium umgestalten zu lassen. Sie ist nicht zu sehr von sich selbst und ihren eigenen Ideen überzeugt. Sie kann loslassen, weil sie weiss, dass sie vieles nicht kann. Und sie versucht darum gar nicht erst, alles zu sein.
Sie versucht nicht, das Grosse und Eindrucksvolle zu vollbringen. Sie backt kleine Brötchen. Gerade einem kleinen Glauben ist verheissen, Berge zu versetzen (vgl. Mt 17,20). Diese Kirche zweifelt an sich selbst und an ihrer Fähigkeit, Gottes Wort richtig zu hören. Aber paradoxerweise hält gerade diese schwache, lächerliche Kirche ein Geschenk an die Welt in der Hand: Sie hält anbetend Gottes Wirklichkeit in der Welt präsent. Hier werden weder Institutionen noch Personen angebetet, sondern Gott.
Kirche «nur» noch als Anbetungsgemeinschaft
Diese Kirche ist «nur» noch Anbetungsgemeinschaft. Sie weiss, dass sie keine religiöse Dienstleisterin sein kann – etwa indem sie gute und attraktive Gottesdienste als Dienstleistung anbietet. Als Dienstleisterin würde sie sich überfordern; der Hunger nach immer besseren Angeboten ist unersättlich. Auch Weltverbesserin kann sie nicht sein. Dafür fehlen ihr Kraft und Mittel – und es gibt zahlreiche NGOs, die das besser können.
Nicht einmal relevant ist diese Kirche. Oder besser: Sie weiss, dass das Streben nach Relevanz für sie eine Sackgasse ist. Was bleibt ihr also anderes, als eine Gemeinschaft von Menschen zu sein, die gemeinsam Gott anbeten? Und gerade darin kann sie – paradoxerweise – etwas von Gottes Glanz in der Welt widerspiegeln.
Hier rückt die Kirche aus dem Zentrum, und Gott rückt in der Anbetung ins Zentrum. Gerade daraus kann echtes Handeln der Nächstenliebe erwachsen. Diakonie und gelebte Liebe gehören selbstverständlich zu einem Lebensstil ganzheitlicher Anbetung. Aber sie geschehen nicht als religiöse Dienstleistung und nicht als Strategie, um relevant zu sein, sondern aus Gottesfurcht und Liebe. Diese Kirche wendet sich von der Welt ab, um sich ihr umso liebevoller zuzuwenden.
Eine Kirche, die aus der Wahrheit lebt
Diese Kirche lebt aus der Wahrheit. Sie weiss, dass sie kein Monopol auf die Wahrheit hat. Sie verzichtet darauf, immer und überall gültige Wahrheiten in die Welt hinauszuposaunen. Weil sie sich weder behaupten noch verteidigen muss, gewinnt sie eine neue Lockerheit und Gelassenheit.
Statt nur über Wahrheit zu reden, verweist sie auf die Wahrheit schlechthin: auf Jesus Christus. Natürlich hat sie Glaubensüberzeugungen. Aber sie weiss auch, dass sie nicht Gott ist. Ihre Erkenntnis bleibt Stückwerk (vgl. 1 Kor 13,9). Ihre Urteile sind vorletzte Urteile – immer unter dem Vorbehalt, dass Gott uns alle nochmals überraschen wird. Diese Kirche gebärdet sich nicht, als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gegessen. Sie weiss: Auch ihre Patentrezepte sind reihenweise an der Wirklichkeit zerbrochen.
Darum bemüht sich diese Kirche mehr darum, aus der Wahrheit zu leben, als Worte zu machen, die niemand mehr hören kann. Sie weiss um die Gefahr, selbst einen Balken im Auge zu haben. Deshalb ist sie zurückhaltend darin, den Splitter aus dem Auge des Nächsten entfernen zu wollen (vgl. Mt 7,1-5). Diese Kirche hört zu, bevor sie grosse Töne schwingt. Sie hütet sich vor einer herablassenden Haltung gegenüber einer mündig gewordenen Welt. In aller Demut weist sie von sich weg auf Jesus Christus als das eine Wort Gottes.
Eine Kirche, die sich für Menschen interessiert
Diese Kirche interessiert sich für Menschen. Sie weiss, dass es sie gibt, weil Gott durch sie bei den Menschen sein will. Darum begegnet sie Menschen nicht wie ein Netzwerk-Marketing-System, das aus Begegnungen Gewinn ziehen will – etwa Mitgliedergewinn.
Sie begegnet Menschen mit zweckfreier Zuwendung, weil sie Menschen mag. Menschen sind für sie keine Evangelisationsobjekte. Sie will nicht in erster Linie weitverbreitet oder bekannt sein, sondern lokal zum Wohl von Menschen beitragen. Sie will für Menschen im Quartier da sein. So, dass Menschen vielleicht sagen können: Hier isst jemand mit mir. Hier kennt mich jemand. Hier werde ich gesehen. Hier betet jemand mit mir. Das klingt vielleicht nach wenig – aber für einige Menschen kann das viel bedeuten.
Eine Kirche, die den Geist wirken lässt
Natürlich ist die Kirche mit ihrer Situation und ihrer Aufgabe überfordert. Paulus wusste sehr wohl, dass auch er in seinem Dienst nicht aus sich selbst tüchtig war, sondern dass Gottes Geist ihn befähigte (vgl. 2 Kor 3,5-6). Gerade darum schafft diese Kirche Raum dafür, dass Gottes Geist wirken kann. Hier wird in aller Gebrochenheit ein Stück Himmel erfahrbar. Wo Gottes Geist wirkt, werden Menschen zuerst in die Liebe geführt – nicht in Erfolg, Machtgewinn oder Selbstdarstellung – und von dort in die Welt gesandt.
Weil diese Kirche offen ist für das Wirken des Geistes, geht es ihr weder um Institutionen noch um Rang und Namen. Vielmehr ist in ihr jeder Mensch Träger von Geistesgaben. Hier gilt eine gemeinsame Verantwortung für das Leben der Gemeinde. Jede und jeder hat Gaben, aber niemand hat alle. Diese Kirche ist kein Klub von Universalbegabten. Jede Person hat etwas beizutragen.
Darum kennt diese Kirche keinen Personenkult. Privilegien und Entmündigung sind ihr fremd. Die Frucht des Geistes zeigt sich gerade darin, dass transparente Prozesse, gute Schutzkonzepte und eine Kultur entstehen, in der Zweifel, Verletzungen und Kritik ausgesprochen werden dürfen – ohne Angst vor negativen Konsequenzen. Leitungspersonen sind nicht unantastbar. Auch sie sind rechenschaftspflichtig.
Eine Kirche mit liturgischem Zentrum
Diese Kirche hat ein liturgisches Zentrum (das kennt man eher von Landeskirchen). Gerade das befähigt sie, missional zu leben (das kennt man eher von Freikirchen). Weil sie nahe bei den Menschen sein will, lässt sie sich zuerst von Gott sammeln.
Sie weiss, dass ihren Versammlungen etwas Heiliges und Unverfügbares innewohnt: die Gegenwart Gottes. Hier geschieht kein Spektakel. Und trotzdem – oder gerade deshalb – geht man verändert nach Hause. Nicht, weil etwas Grosses inszeniert wurde, sondern weil das Heilige, die Gegenwart Gottes, präsent war: in aller Einfachheit und Ehrlichkeit.
Diese Kirche nimmt die Worte Jesu ernst, dass seine Gegenwart nicht einfach dem einzelnen Menschen direkt verheissen ist, sondern der Gemeinde – und durch die Gemeinde auch dem Einzelnen (vgl. Mt 18,20). Sie weiss: Der Glaube ist persönlich, aber keine private Angelegenheit. Sie weiss, dass sie – in ihrer ganzen Gebrochenheit! – «Christus als Gemeinde existierend» ist (Bonhoeffer).
Das bedeutet: Wo sie sich versammelt, wird sie befähigt, sich der Welt gnädig zuzuwenden. Gerade von ihrer liturgischen Mitte, von ihrer Anbetung, geht eine unverhältnismässig grosse Wirkung aus.Von ihrem liturgischen, sakralen Zentrum her lebt diese Kirche ihre missionale Sendung: ihre gnädige und liebevolle Zuwendung zur Welt.
Eine Kirche, die tut, was ihr Freude bereitet
Letztlich tut diese Kirche, was ihr Freude bereitet. Sie weiss, dass sie ohnehin nicht alles für alle sein kann. Sie weiss, dass sie vieles nicht kann, für manches zu schwach ist – und nur aus Christus lebt. Das macht sie locker und gelassen. Und es lässt sie etwas riskieren. Zu verlieren hat sie ohnehin nichts.
Sie tut darum, worauf sie «Bock hat». Nicht im Sinne beliebiger Selbstverwirklichung. Sondern indem sie nicht alles tut, was von ihr erwartet wird, sondern das, wozu sie berufen und begabt ist – und ihr darum Freude bereitet. Das bedeutet auch: Programme, die nur noch Belastung sind, dürfen eingestellt werden.
Gerade diese Lockerheit macht sie attraktiv. Sie macht die Kirche auch so offen, dass sie kaum mehr dicht ist. Diese Kirche lebt nicht von Abgrenzung: Jede und jeder, dessen Loyalität Christus gilt – mag er oder sie noch so anders sein –, darf dabei sein. Wer noch nicht sicher ist, darf einfach einmal auf Probe dazustossen.
Kirche hat Zukunft
So hat Kirche Zukunft: nicht, weil sie stärker, effizienter oder professioneller wird. Sondern weil nicht aus sich selbst lebt, aber aus Christus – und darum zu ihrer Schwäche stehen kann. Diese Kirche hat nichts mehr zu verlieren. Das macht sie locker und gelassen.
Vielleicht wird Kirche so nicht zuerst grösser, relevanter. Vielleicht wird sie kleiner, einfacher, echter. Und gerade darin könnte ihre Zukunft liegen – paradoxerweise!
Die Kirche ist Kirche Jesu Christi. Und er sagte einst:
«Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden» (Mt 16,25).
Ich glaube, dass uns diese Worte als Kirche in die Zukunft führen können.
Ja, Kirche hat Zukunft! Vielleicht gerade dort, wo sie nicht an ihrem eigenen Leben hängt – und bereit ist, es aus der Hand zu geben.
Anmerkung
Dass dieser Blogpost kaum konkrete Veränderungsvorschläge nennt, ist kein Versehen. Was der vorgestellte Ansatz für eine bestimmte Gemeinde bedeutet, lässt sich von ferne nicht bestimmen – es hängt vom Kontext, der Situation und den Menschen vor Ort ab. Der Ansatz setzt tiefer an als oberflächliche Veränderungen. Jede Gemeinde muss ihren eigenen Weg finden. Auch hier gibt es keine Patentrezepte.
Mich interessiert: Von welcher Kirche träumst du?
Ich freue mich, wenn du mitdenkst, mitträumst oder widersprichst – und mir deine Reaktion schreibst. Deine Rückmeldung werde ich anschliessend im Rahmen meines Studiums reflektieren.
Das ausführliche theologische Essay mit Literaturverzeichnis kannst du gerne hier lesen.



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